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Der Kampf um Wasser und Land

Regierungen vieler Entwicklungsländer verschachern riesige Landflächen an ausländische Investoren. Für die Menschen vor Ort ist der Verlust des Zugangs zu Ackerland und Wasserquellen eine existenzielle Bedrohung.

Land und Wasser sind knappe und umkämpfte Güter geworden. Dies bekommen Kleinbäuer*innen weltweit insbesondere seit der Nahrungskrise 2007/2008 dramatisch zu spüren: Immer mehr internationale Investoren, Agrarkonzerne und Regierungen drängen in Entwicklungsländer und machen den Bäuer*innen ihre Existenzgrundlagen streitig.

„Ungenutztes“ Land

Firmen pachten oder kaufen riesige Landflächen für die industrielle Landwirtschaft oder um sich in trockenen Gebieten den Zugang zu Wasserquellen zu sichern. Auch als profitträchtiges Anlageobjekt und für den Anbau von Energiepflanzen wie Mais oder Ölpalmen ist Land zu einem begehrten Objekt geworden.

Zum Beispiel hat im Hungerjahr 2008 eine britische Fondsgesellschaft den African Agricultural Land Fund aufgelegt und innerhalb kurzer Zeit 130 000 Hektar Land, vorwiegend in Mosambik und Südafrika, gekauft. Die Flächen sollen unter anderem für den Anbau von Pflanzen für die Treibstoffproduktion genutzt werden. Das Versprechen für die Anleger: 25 % Rendite pro Jahr.(15)

In einem anderen Fall vertrieb eine schwedische Firma rund 1300 Menschen, vor allem Bäuer*innen, von ihrem Land in Tansania – um Platz für eine Zuckerrohrplantage und eine Verarbeitungsstätte zu schaffen. Erst nach massiven Protesten von NGOs wurde das Investitionsprojekt, welches von der schwedischen Entwicklungszusammenarbeit gefördert und von der tansanischen Regierung gutgeheißen worden war, auf Eis gelegt.(16)

Jenes Land, das viele Regierungen weltweit bereitwillig an Investoren vergeben, wird häufig als „ungenutzt“ deklariert. In Wirklichkeit wird die einheimische Bevölkerung vielfach ihrer traditionellen Landnutzungsrechte, oft ohne formellen Besitz, beraubt und teilweise gewaltsam vertrieben. So verlieren die Einwohner*innen vieler Dörfer die Möglichkeit, Nahrungsmittel anzubauen, Wasser zu holen, wilde Früchte, Pilze und Feuerholz zu sammeln, ihre Tiere weiden zu lassen und Schulwege zu nutzen.(17)

Auch die Wasserquellen werden durch die ausländischen Investoren zusätzlich beansprucht – in wasserarmen Regionen ist das für die einheimischen Kleinbäuer*innen ein existenzbedrohendes Problem. Und die steigende Nachfrage nach Agrartreibstoffen treibt nicht nur die Kosten für Nahrungsmittel nach oben, sondern auch die Preise für Ackerland.

Strengere Regeln

Als Reaktion auf großflächige Landnahmen durch Investor*innen verabschiedete die Welternährungsorganisation (FAO) im Jahr 2012 Leitlinien für verantwortungsvollen Umgang mit Land. Dieses Dokument fordert Regierun­ gen auf, die Rechte der Menschen zu schützen, die Land etwa als Bäuer*innen oder Hirt*innen auf verschiedenste Weise nutzen.

Damit sichergestellt werden kann, dass Firmen in Zukunft keine Menschenrechtsverbrechen begehen, sondern verantwortungsvoll handeln, braucht es strenge und international gültige Sorgfaltspflichten. Zudem muss Opfern der Zugang zu Klagemöglichkeiten und Wiedergutmachung gesichert werden.

Landgrabbing – auch in Europa

Auch in Europa ist eine zunehmende Landkonzentration in der Hand weniger Konzerne zu beobachten. Für die ländlichen Regionen hat das fatale Auswirkungen: Arbeitsplätze werden wegrationalisiert, die Wertschöpfung sinkt, und der Bezug zum täglichen Essen sowie das Vertrauen in die Landwirtschaft gehen verloren. Die EU-Agrarzahlungen tragen zur Landkonzentration bei, denn noch immer gehen 80 Prozent der Subventionen an nur 20 Prozent der Höfe. Das EU-Parlament hat die EU-Kommission und die Mitgliedstaaten aufgerufen, hier dringend gegenzusteuern!

 

Daten & Fakten

Für die Herstellung eines Liters Treibstoff aus Zuckerrohr werden rund 3 500 Liter Wasser verbraucht.(18)

85 % der landwirtschaftlichen Betriebe weltweit verfügen über weniger als zwei Hektar Fläche. Die Tendenz geht sogar weiter nach unten.(19)

 


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15 Thomas Fritz (2010): Peak Soil – Die globale Jagd nach Land.

16 European Parliament (2016): Land grabbing and human rights: The involvement of European corporate and financial entities in land grabbing outside the European Union.

17 Misereor (2015): Allianz der Zäune.

18 Weltsichten (2012): Durst nach fremdem Wasser.

19 Oxfam (2015): Die Sonderinitiative „Eine Welt ohne Hunger“ des BMZ – Oxfams Faktencheck.