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Es ist genug für alle da

Die Ressourcen unseres Planeten sind begrenzt – aber die Menschheit plündert sie ungebremst aus. Um den Hunger in der Welt zu besiegen, müssen alle sparsamer und gerechter mit den knappen Ressourcen umgehen.

Nach aktuellem Stand wird auf der Erde genug Nahrung produziert, um zehn Milliarden Men­schen zu ernähren. Doch von den derzeit knapp 7,5 Milliarden Menschen leidet etwa jede*r Zehnte an Unterernährung(1) und etwa jede*r Vierte ist von „verstecktem Hunger“ betroffen: Ihnen fehlen überlebenswichtige Nährstoffe.(2)

Die Mehrheit der Hungernden lebt in Asien und der Pazifikregion, wo aber Fortschritte gemacht werden und ein immer größerer Anteil der Bevölkerung ausreichend zu essen hat. Am schlimmsten hält sich der Hunger auf dem afrikanischen Kontinent. Mehr als Dreiviertel aller Hungernden leben auf dem Land, sind selbst Kleinbäuer*innen, Viehzüchter*innen oder schlagen sich als Arbeiter*innen durch.(3)

Dies ist ein Indiz dafür, dass die Schlüsselfra­ge im Kampf gegen den Hunger nicht ist, wie mehr produziert werden kann. Vielmehr müs­sen wir Antworten darauf finden, wie Ressour­cen gerechter verteilt und die Lebensverhält­ nisse der Ärmsten durch die Landwirtschaft verbessert werden können, sodass sie mehr Einkommen und Zugang zu guter Ernährung haben.

Verschwendung hier, Mangel dort

Gleichzeitig wird weltweit ein Drittel der produzierten Nahrungsmittel weggeworfen, in Deutschland etwa 18 Millionen Tonnen.(4)

Bereits auf dem Acker werden wertvolle Lebensmittel zu Abfall, nur weil sie nicht den Schönheitsnormen (Stichwort „Knubbelgemü­se“) entsprechen. Im Groß­- und Einzelhandel, in Restaurants, Kantinen und in privaten Haus­halten wird dann noch einmal aussortiert was nicht gefällt. In Deutschland wären mehr als die Hälfte der Lebensmittelabfälle, das heißt 10 Millionen Tonnen, ohne große Probleme vermeidbar – das entspricht einer Ackerfläche in der Größe Mecklenburg­Vorpommerns.(5) Das muss sich dringend ändern.

Wer arm ist, schmeißt kaum etwas weg. Dies zeigt sich etwa in Afrika oder Südostasien. Aber es gibt auch dort hohe Lebensmittel­verluste – teilweise von 50 %. Denn besonders in abgelegenen Regionen fehlt es an Infrastruktur, sodass Lebensmittel nicht gut gelagert, verpackt, gekühlt und transportiert werden können.(6) Wenn Milch etwa nicht – wie in Europa – gleich nach dem Melken gekühlt wird, sondern Bäuer*innen sie in einem Kanister auf dem Fahrrad bei drückender Hitze durch die Steppe bringen müssen, geht viel verloren.

Trotz einiger Anstrengungen zur Verbesserung der landwirtschaftlichen Infrastruktur im globalen Süden bleibt das Ausmaß der Verluste seit langer Zeit konstant. Oft wurden die geförderten Techniken einfach nicht ausreichend an die Bedürfnisse der Kleinbäuer*innen in den Entwicklungsländern angepasst. Neben besserer problemspezifischer Forschung ist mehr Ausbildung für die Bäuer*innen not­ wendig. Auch müssen sie sich die Anschaffung von Geräten für ihre Kleinbetriebe leisten können, der Zugang zu fairen Krediten ist dafür essenziell.

Teller, Tank oder Trog?

Ein gutes, vielleicht sogar das beste Beispiel für das Nebeneinander von Mangel und Verschwendung ist Fleisch: Der ungezügelte Konsum der Europäer*innen ist nur möglich, weil große Landflächen in anderen Ländern – vor allem Südamerika – für den Anbau von Futtermitteln für europäische Schweine, Hühner und Rinder beansprucht werden.

Die EU importiert jährlich über 30 Millionen Tonnen Soja aus Übersee, das auf insgesamt ca. 15 Millionen Hektar angebaut wird. Dies entspricht ungefähr der Hälfte der Landes­fläche Italiens.(7) Der weltweit zunehmende Anbau von Energiepflanzen, wie Raps, Zu­cker und Palmöl für pflanzlichen Treibstoff verschärft die Ressourcenkonkurrenz noch zusätzlich.

Die Übernutzung der Ökosysteme durch die industrielle Landwirtschaft gefährdet die Fähigkeit der Erde, alle Menschen zu ernähren. In dramatischem Tempo schreitet die Boden­ zerstörung voran, rund ein Viertel aller Agrar­flächen gelten als geschädigt, und in armen Ländern fehlen die Mittel, um diesem Trend effektiv gegenzusteuern. In Europa hingegen fehlt oft der politische Wille, weil viele noch immer glauben, mit technischen Mitteln wie Pestiziden und chemischen Düngemitteln sei das Problem zu lösen.

Diese Entwicklungen müssen gestoppt wer­den. Wir dürfen die planetarischen Wachstumsgrenzen unserer Erde nicht länger auf Kosten der Armen und zukünftiger Generationen ignorieren.

Spekulation mit Lebensmitteln

Die Spekulation auf Nahrungsmittel und Agrarrohstoffe an den Finanzmärkten hat sich in den vergangenen Jahren drastisch ausgeweitet. Da viele Entwicklungsländer stark von Lebensmittelimporten abhängig sind, hat dies katastrophale Folgen für die Armen. So haben die steigenden Nahrungspreise in den Jahren 2007/2008 schätzungsweise 115 Millionen Menschen in den Hunger getrieben (FAO).

Das Europäische Parlament hat 2014 und 2017 erste Maßnahmen beschlossen, damit Nahrungsmittel für Banker kein Spielzeug mehr sind. Tiefgreifendere Regeln sind aber notwendig.

 

Daten & Fakten

Deutschland beansprucht für die landwirtschaftliche Produktion rund 7 Millionen Hektar Land außerhalb Europas – das sind über 40 % der eigenen landwirtschaftlichen Nutzfläche.(8)

40 % der globalen Getreideernte werden als Tierfutter verwendet. Mit den Kalorien, die bei der Umwandlung von pflanzlichen in tierische Nahrungsmittel jährlich verloren gehen, könnten 3,5 Milliarden Menschen satt werden.(9)

 


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1 FAO, 2016

2 Global Hunger Index 2014

3 WFP (2016): Focus on Women

4 FAO (2013): Food wastage foodprint – Impacts on natural resources.

5 WWF (2015): Das große Wegschmeißen.

6 Es gibt eine hohe Bandbreite an Schätzungen zu der Höhe der Lebensmittelverluste – daher ist es schwer, eine verlässliche allgemeingültige Zahl zu nennen; siehe: Priefer, C., Jörissen, J. (2012): Frisch auf den Müll. Verringerung der Lebensmittelverluste als An­ satz zur Verbesserung der Welternährungssituation.

7 WWF (2014): Fleisch frisst Land.

8 Ebd.

9 UNEP (2009): The environmental food crisis.