alt text

Qualität vom Bauernhof statt Ramsch von der Industrie

Der globalisierte Lebensmittelmarkt ist ein riesiges Geschäft für wenige, dafür aber sehr große Unternehmen. Die extreme Konzentration von Marktmacht geht aber auf Kosten der Bäuer*innen.

Weintrauben aus Südafrika, Avocados aus Peru und Birnen aus Argentinien – das ist heute Standard in deutschen Supermärkten. Der Lebensmittelhandel hat sein Geschäft in den vergangenen Jahrzehnten stark internationalisiert. Wer profitiert von diesem globalen Nahrungsmittelhandel? Nützt er denn überhaupt den Bäuer*innen in Afrika, Asien oder Lateinamerika, die unsere Lebensmittel produzieren?

An der Armutsgrenze

Werfen wir einen Blick auf die Situation in Südafrika. Hier boomt der Exportmarkt, v.a. in der Region Western Cape. Europa ist der wichtigste Abnehmer für Wein und Obst. Während die Besitzer*innen der großen Plantagen fast ausschließlich Weiße sind, leisten größtenteils Schwarze die Arbeit auf den Plantagen – oft unter katastrophalen Bedingungen. Der Mindestlohn für die Landwirtschaft ist so niedrig, dass davon die Farmarbeiter*innen noch nicht einmal ausreichend Essen für ihre Famili­en einkaufen können. Als der Mindestlohn eingeführt wurde, verloren viele Angestellte ihren Job und werden seitdem nur saisonal als Tagelöhner*innen beschäftigt. Die Kinder der landwirtschaftlichen Arbeiter*innen sind häufiger unterernährt als im südafrikanischen Landesdurchschnitt und leiden doppelt so oft an schweren körperlichen Fehlbildungen. Das ist auch auf den Einsatz giftiger Pestizide zurückzuführen, dem Schwangere und Kinder ungeschützt ausgesetzt sind.(10) Verschärft wird die Situation durch den immer noch verbreiteten Rassismus und die spürbaren Folgen der Apartheid auf den Farmen.(11)

Südafrika ist kein Einzelbeispiel. Auch in anderen Ländern haben die Menschen, die in der Landwirtschaft arbeiten, mit großen Problemen zu kämpfen. In den sogenannten Entwicklungsländern ist Landwirtschaft für 60 - 70 % der Bevölkerung die einzige Existenzgrundlage, die Menschen produzieren vorrangig für den Eigenbedarf oder für lokale Märkte. Im Gegensatz zu Bäuer*innen in der EU bekommen sie fast nie Förderungen vom Staat. Ihnen fehlt es an Zugang zu fruchtbarem Land, sauberem Wasser, Zugang zu Krediten, Märkten, Lager­ und Transportmöglichkeiten sowie an guter Ausbildung.

Wer investiert?

Besonders in Afrika war die Landwirtschaft viel zu lange chronisch unterfinanziert. Von der selbstgesetzten Zielmarke, 10 % ihrer Budgets für Landwirtschaft und Ernährungssicherheit zur Verfügung zu stellen, sind die Mitgliedsländer der Afrikanischen Union weit entfernt. Die Regierungen sind nun bemüht, private Investor*innen anzuziehen, um die Produktion zu steigern. Sie machen großen internationalen Firmen großzügige Zugeständnisse in Form von Steuererleichterungen, obwohl die Staatskassen oft leer sind, oder umfassenden Gesetzesreformen. Ein gefundenes Fressen für Saatgut­ und Agrarchemiekonzerne oder auch Landmaschinenhersteller, die ihr Geschäft international ausweiten möchten. Auch die Entwicklungshilfe arbeitet zunehmend mit Agrarkonzernen zusammen – und treibt so die Ausbreitung eines industrialisierten Landwirtschaftsmodells in der ganzen Welt voran.

Ein Beispiel ist die sogenannte „Neue Allianz für Ernährungssicherheit und Ernährung“ in Afrika. Im Rahmen dieser Initiative gehen ausgewählte afrikanische Regierungen und Agrar-Konzerne wie Yara oder Syngenta „Partnerschaften“ ein: Sie dürfen unter vorteilhaften Bedingungen investieren und erhalten Land oder Steuerbefreiungen. Auch werden mithilfe dieser Neuen Allianz Reformen der Saatgutgesetze durchgeboxt, durch die kommerzielles Hybridsaatgut in Afrika einfacher vermarktet werden kann und der Handel mit traditionellem bäuerlichem Saatgut erschwert wird – zum Nachteil armer Kleinbäuer*innen.(12)

Die zunehmende Konzentration und Macht weniger Multis auf dem Markt für Saatgut, Dünger und Pestizide einerseits und bei Lebensmittelhändlern und Supermärkten andererseits ist für Bäuer*innen weltweit problematisch. Denn je dominanter deren Stellung auf den Märkten, desto größer ist der Druck auf die Bäuer*innen, für sie unvorteilhafte Preise und Konditionen nahe der Selbstausbeutungsgrenze zu akzeptieren.


Das bedeutet für die Bäuer*innen: Hohe Investitionen für Produktionsmittel auf der einen Seite und niedrige Gewinne für die Produkte, die sie an Handelsunternehmen und Supermärkte verkaufen, auf der anderen Seite. Das „Privileg“, an Supermärkte verkaufen zu können, ist häufig sowieso nur den großen Landwirtschaftsbetrieben vorbehalten, ärmere Kleinbäuer*innen können mit den Lieferbedingungen nicht mithalten. So treibt die weltweite Ausbreitung der Supermarktketten auch die Industrialisierung der Landwirtschaft in den ärmeren Ländern voran.(13)

Gentechnik als Wundermittel gegen den Hunger?

Monsanto & Co behaupten immer wieder, dass es Gentechnik braucht, um den Hunger auf der Welt zu besiegen. Doch diese Behauptung wurde bisher nicht durch Fakten belegt. Sie versprechen seit langem trockenheits- und salztolerante Pflanzen, die die Menschen auch in Zeiten des Klimawandels sicher mit Nahrung versorgen sollen. Keines dieser Versprechen wurde je eingelöst. Stattdessen ist der Anbau von gentechnisch veränderten Pflanzen mit großen Risiken verbunden – massive Ernteausfälle inklusive. Agroökologie und eine vielfältige Landwirtschaft mit lokal angepasstem Saatgut bieten bessere Chancen für die Bekämpfung des Hungers in Zeiten des Klimawandels.

 

Daten & Fakten

Zwischen 1971 und 2000 hat sich die Zahl der landwirtschaftlichen Betriebe in Südafrika halbiert.

Vom Verkaufspreis einer Banane wird nur 5 % für Löhne der Plantagenarbeiter*innen ausgegeben. 59 % des Verkaufserlöses erhalten Großhändler, Reiferei und Einzelhändler.(14)

 


<<< vorheriges Kapitel >>> zur Übersicht>>> nächstes Kapitel

10 Vor den Folgen des weltweiten Einsatzes von Pestiziden warnt auch die UN-­Sonderbeauftragte für das Recht auf Nahrung, Hilal Elver, UN (2017): Report of the Special Rapporteur on the right to food.

11 KASA (2016): Die Vergessenen – FarmarbeiterInnen im Südlichen Afrika; Human Rights Watch (2011): Ripe with Abuse – Human Rights Conditions in South Africa‘s Fruit and Wine Industries.

12 Europäisches Parlament (2016): Neue Allianz für Ernährungssicherheit und Ernährung.

13 Forum Umwelt und Entwicklung (2015): Konzernmacht grenzenlos.

14 Oxfam Deutschland/Supermarktinitiative (2013): Die Macht der Supermarktketten.