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Umdenken: Gute Landwirtschaft für gutes Leben – hier und weltweit

Ein besseres globales Ernährungssystem ist möglich. Dazu brauchen wir gezielte Förderung von Kleinbäuer*innen und agrarökologischen Anbaumethoden, faire Handelsbeziehungen, klare Regeln für Unternehmen sowie bewusst und nachhaltig agierende Verbraucher*innen.

Unser Ernährungssystem – von der Produktion über den Handel bis zum Verbrauch – muss grundsätzlich neugestaltet werden. Das ist möglich, wenn die notwendigen Reformen eingeleitet werden und wir unser globales Ernährungssystem zukünftig demokratischer ausrichten. Politische Entscheidungen über die Art und Weise, wie Landwirtschaft und der Handel mit Nahrungsmitteln gestaltet werden, dürfen nicht länger durch die Lobbyinteressen großer Konzerne bestimmt werden. Sie müssen sich viel mehr an den Wünschen und Bedürfnissen der Menschen und an der Vision eines globalen Allgemeinwohls orientieren.

Investitionen in eine bessere Landwirtschaft

Dass die afrikanische Landwirtschaft chronisch unterfinanziert ist und es massive Investitionen der öffentlichen Hand wie auch des Privatsektors braucht, ist klar. Ausschlaggebend ist hier: Welche Art von Investitionen werden getätigt? Welche Art der Landwirtschaft wird durch die Entwicklungszusammenarbeit gefördert? Agrarfabriken mit Monokulturen für den Export oder agrarökologische Modelle für die Menschen?

Viele Initiativen auf der ganzen Welt, z.B. aus Uganda, Bolivien und Kambodscha zeigen auf, wie Landwirtschaft im Einklang mit der Natur funktionieren kann. Hiervon profitieren gerade arme Kleinbäuer*innen, für die agrarökologische Anbaumethoden vorteilhafter und günstiger sind als die Agrartechnik und Agrarchemie der Konzerne.

Agrarökologische Anbaumethoden fördern

In der Agrarökologie ersetzen vielseitige Mischkulturen trostlose Monokulturen und stärken damit die Widerstandsfähigkeit gegen Schädlingsbefall und klimabedingte Ernteausfälle. In Mischkulturen schützen sich die Pflanzen gegenseitig vor Krankheiten und Schädlingen. Eine besonders erfolgreiche Innovation für den natürlichen Pflanzenschutz ist zum Beispiel der gemeinsame Anbau von Mais, dem Kraut Desmodium und Napiergras. Desmodium schützt den Mais vor dem Stängelbohrer. Gleichzeitig tötet das Kraut auch Pflanzen ab, die sich an die Wurzeln von Maispflanzen heften und ihnen Zucker entziehen. Napiergras hingegen lockt Stängelbohrermotten an – sie legen ihre Eier nicht mehr auf die Maispflanzen, sondern auf das Napiergras. Wenn die aus den Eiern schlüpfenden Larven versuchen in das Napiergras einzudringen, produziert es eine schleimige Substanz, die den Schädling abtötet. Und all dies ganz ohne den Einsatz teurer und giftiger Chemikalien.

Agrarökologische Anbaumethoden bieten viel Potenzial für Kleinbäuer*innen. Sie sind ein nachhaltigerer Weg für die Armutsbekämpfung als die Zusammenarbeit mit Agrarchemie­ und Agrartechnikkonzernen, die schon viel zu lange hoch im Kurs steht. Deswegen sollte die Entwicklungspolitik gezielt darauf setzen. Selbstverständlich müssen im globalen Süden auch andere strukturelle Hindernisse angegangen werden, um die lokale Lebensmittelversorgung zu sichern und Bäuer*innen höhere Einkommen zu ermöglichen: bessere Ausbildung, Zugang zu Krediten und Märkten, funktionierende Infrastruktur.

Neuausrichtung in Europa

In Europa muss die europäische Agrarpolitik endlich eine bäuerliche, ökologischere Landwirtschaft voranbringen. Subventionen sollten zukünftig nicht mehr nach dem Prinzip „Wer viel hat, dem wird auch viel gegeben“ verteilt werden und damit hauptsächlich dem agroindustriellen Komplex zukommen. Sie sollten im Gegenteil die Chancen bäuerlicher Betriebe verbessern und notwendige gesellschaftliche Leistungen der Bäuer*innen belohnen.

Eine derartige Neuausrichtung der europäischen Agrarpolitik ist unverzichtbar – inklusive einer Abkehr von der Exportorientierung, damit die Existenzgrundlagen von Kleinbäuer*innen in Entwicklungsländern nicht länger durch Importe aus der EU zerstört werden.

Verantwortungsvolles Wirtschaften statt globale Ausbeutung

Ein Großteil des weltweiten Handels mit Nahrungsmitteln nützt aktuell nur wenigen Akteur*innen. Dass es auch anders geht, zeigt der faire Handel: Er bietet höhere und stabile Preise sowie langfristige Beziehungen zwischen Handelsunternehmen und Produzent*innen. Leider hat der faire Handel nur einen sehr kleinen Anteil am weltweiten Nahrungsmarkt. Das sollte und kann sich ändern. Faire Handelsbeziehungen sollten nicht länger ein Nischenphänomen bleiben – wir brauchen eine grundlegend andere Politik. Eine Allianz zivilgesellschaftlicher Akteure in Europa hat bereits ein alternatives Handels­mandat(25) ausformuliert, welches den ökologischen und sozialen Aspekten deutlich mehr Rechnung trägt.

Für faire Handelsbeziehungen braucht es eine Politik in Europa, die den großen Konzernen nicht länger nur weitere Rechte im globalisierten Handel verschafft, sondern ihnen auch verbindliche Pflichten auferlegt: Unternehmen müssen dafür Sorge tragen, dass in ihren globalen Lieferketten Menschen­ und Arbeitsrechte eingehalten werden und die Umwelt geschont wird.

Die Vorwürfe gegen große europäische Unternehmen häufen sich: Landraub in Tansania für eine Zuckerplantage der schwedischen Firma EcoEnergy, das Spritzen von giftigen, in Europa längst verbotenen Pestiziden beim Ananas­ und Bananenanbau für Aldi, Rewe, Edeka und Co.(26) Es ist überfällig, dass global agierende Konzerne für Menschenrechtsverletzungen vor Gericht zur Rechenschaft gezogen werden können und endlich Verantwortung für ihr Tun übernehmen müssen. Denn langjährige Erfahrungen belegen, dass freiwillige Selbstverpflichtungen von Unternehmen nicht die gewünschte Wirkung haben. Dass im UN-­Menschenrechtrat seit 2015 wieder über ein verbindliches globales Regelwerk für Unter­ nehmen verhandelt wird, gibt Hoffnung.

Was ist gutes Leben?

Zu lange wurde der Wohlstand eines Landes und somit seiner Bevölkerung am Bruttoinlandsprodukt pro Kopf und dem Wirtschaftswachstum gemessen. Dieser Ansatz ist überholt, da er die soziale und ökologische Dimension der Lebensqualität von Menschen außer Acht lässt. Immer mehr Wissenschaftler*innen und Philosoph*innen schlagen unterschiedliche alternative Indikatoren und Konzepte zur Messung von gutem Leben in einer Postwachstumsgesellschaft vor. Das aus Lateinamerika stammende Konzept des „Buen Vivir“ ist eine Vision, die dem Menschen ein Recht auf gutes Leben einräumt und dabei auch der Natur Rechte zuspricht – in Ecuador und Bolivien sogar auf Verfassungsrang. (27)

 


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25 Allianz für ein Alternatives Handelsmandat (2013): Das Alternative Handelsmandat für die Europäische Union.

26 European Parliament (2016): Land grabbing

and human rights: The involvement of European corporate and financial entities in land grabbing outside the European Union.

27 Heinrich-Böll-Stiftung (2011): Buen Vivir. Eine kurze Einführung in Lateinamerikas neue Konzepte zum guten Leben und zu den Rechten der Natur.