alt text

Unfairer Handel schürt den Hunger

Die Spielregeln des Welthandels werden von den Industrieländern bestimmt – zum Schaden der Kleinbäuer*innen in Entwicklungsländern. Sie verdienen zu wenig an ihren Erzeugnissen und können mit Billig-Importen aus Europa nicht konkurrieren.

Bei den weltweit geltenden Wettbewerbsbedingungen und innerhalb der Welthandelsorganisation bestimmen de facto die Industrieländer die Spielregeln – und setzen dabei ihre eigenen Interessen durch. Seit Jahrzehnten propagieren sie den weltweiten Freihandel und treiben ihn mit internationalen Abkommen voran. Das Ziel lautet: eigene Erzeugnisse ungehindert auf den globalen Märkten verkaufen zu können.

Dumpingpreise, instabiler Weltmarkt

Doch entgegen der Theorie, dass alle Länder vom Freihandel profitieren, zeichnet die Praxis ein anderes Bild: Die indirekt subventionierten Agrarexporte Europas bedrohen die Existenz von Bäuer*innen und Produzent*innen in Entwicklungsländern, da letztere unter starken Preisdruck geraten. Im Gegensatz zur EU und den USA fehlen den meisten Staaten im globalen Süden die Mittel, um ihre Landwirtschaft mit Milliardenbeträgen zu stützen.

Die europäischen Exportsubventionen wurden zwar abgeschafft, aber viele Produkte wie Milchpulver landen weiterhin zu extrem niedrigen Preisen auf den afrikanischen Märkten, sodass lokale Bäuer*innen damit nicht konkurrieren können. Das liegt zum einen an den verbleibenden Subventionen für europäische Landwirtschaftsbetriebe und an der Massenproduktion.

Es liegt aber auch am Wunsch vieler Verbraucher*innen in Europa, vor allem die Filetstücke zu essen – weniger beliebte Fleischteile, wie dürre Hähnchenkeulen werden dann zu Dumpingpreisen nach Afrika verschifft. Dieses Vorgehen widerspricht dem Grundsatz der „Politikkohärenz für Entwicklung“. Die EU hat sich eigentlich verpflichtet, mit ihrem Tun den Entwicklungsländern nicht zu schaden, sie hält dies in der Praxis aber nicht ein.

Nicht nur die Billigware aus Europa ist für die Landwirtschaft in vielen Entwicklungsländern ein Wachstumshindernis. Auch von ihren eigenen Exporten profitieren sie immer weniger. Sie stehen vor dem Problem, dass die Preise für ihre wichtigsten „cash crops” – wie Kaffee, Kakao oder Tee – durch weltweite Überproduktion stark gesunken sind. So verdienten zum Beispiel die Entwicklungsländer Mitte der Achtzigerjahre noch rund 14 Milliarden Dollar mit dem Export von Kaffeebohnen.

Fünf Jahre später waren die Exporteinnahmen auf 5,5 Milliarden Dollar gesunken – obwohl mehr Kaffee exportiert wurde. Für Länder wie Burundi, Äthiopien, El Salvador, Guatemala und Uganda, in denen der Kaffeeverkauf mehr als die Hälfte der Exporteinnahmen ausmachte, hatte das dramatische Folgen: Verarmung der Kaffeebäuer*innen, extremer Anstieg der Arbeitslosenzahlen bis hin zu Hungerkrisen.(20)

Exportorientierung auf Kosten der Ernährungssouveränität

Während viele Entwicklungsländer sich zunehmend auf den Anbau ausgewählter Exportprodukte fokussiert haben, wurden sie gleichzeitig immer stärker abhängig von eingeführten Grundnahrungsmitteln. Inzwischen importieren weltweit 62 der ärmsten Länder mehr Nahrungsmittel als sie exportieren(21), obwohl Landwirtschaft ihr stärkster Wirtschaftszweig ist. Wie gefährlich das sein kann, hat die Preisexplosion für Nahrungsmittel im Jahr 2007/2008 gezeigt – damals ist die Zahl der Hungernden dramatisch angestiegen.

Diese Erfahrungen zeigen: In armen, von Hunger betroffenen Ländern muss die Nahrungsmittelproduktion für den lokalen Bedarf Vorrang haben vor der Produktion für den Export. Und diese Länder müssen daher das Recht haben, ihre eigenen Märkte zumindest temporär vor Importen zu schützen, um eine eigene Versorgung aufbauen zu können.

Europäische Milchpulverberge

In Deutschland wird viel mehr Milch produziert als konsumiert. Knapp die Hälfte der Milch und Milchprodukte wird exportiert. Von der Überproduktion profitieren vor allem die Molkereien und großen Lebensmittelkonzerne, die am Export gut verdienen. Verlierer*innen sind die Milchbäuer*innen weltweit, denn die niedrigen Milchpreise bedrohen ihre Existenz. Mehr als 4000 Milchbetriebe mussten allein im Jahr 2016 in Deutschland aufgeben. In Burkina Faso und anderen afrikanischen Ländern haben Bäuer*innen keine Chance, mit den niedrigen Preisen für importiertes Milchpulver aus Europa zu konkurrieren. Das muss sich ändern.

 

Daten & Fakten

Der Export von Milchpulver aus der EU hat sich zwischen 2009 und 2015 verdreifacht: 2009 wurden 229 000 Tonnen exportiert, 2015 waren es 691 000 Tonnen.22 Europäisches Milchpulver ist in Burkina Faso dreimal günstiger als lokal produzierte Milch.(23)

Im Jahr 2015 wurde elfmal mehr Mais an Börsen mit Termingeschäften gehandelt als weltweit tatsächlich geerntet wurden. In den USA war es sogar der dreißigfache Wert.(24)

 


<<< vorheriges Kapitel >>> zur Übersicht>>> nächstes Kapitel

20 UNCTAD (2011): Unraveling the underlying causes of price volatility in world coffee and cocoa commodity markets; Die Zeit (1993): Hoher Preis für billige Bohnen.

21 FAO (2016): Low-Income Food-Deficit Countries – List for 2016.

22 Oxfam (2016): Europe‘s Dairy Sector has its Eyes on West Africa.

23 Ebd.

24 Heinrich­-Böll-­Stiftung u.a. (2017): Konzernatlas – Daten und Fakten über die Agrar-­ und Lebens­mittelindustrie.