alt text

Mein Mandat endete am 02.Juli 2019. Diese Homepage wird nicht mehr gepflegt.

Zu Besuch bei dem traditionellen Hirtenvolk der Karamojong

REISEBERICHT UGANDA (20. - 23. Oktober 2015)

Mitte Oktober reiste ich für einen viertägigen Besuch nach Uganda, um mich über die dortige Situation von Hirten und indigenen Völkern zu informieren. Die Reise wurde organisiert von CELEP, einem europäischen Dachverband, der sich für die Rechte von Hirten und indigenen Völkern in den ostafrikanischen Ländern einsetzt. Mit dabei waren mein sozialdemokratischer Kollege aus dem Entwicklungsausschuss, Norbert Neuser, sowie lokale Partnerorganisationen des Dachverbandes.

Auf dem Programm stand eine eintägige Konferenz in der Hauptstadt Kampala, sowie ein Besuch in der Region Karamoja im Nordosten Ugandas. Die eintägige Konferenz in Kampala, an der Vertreter lokaler und internationaler Entwicklungsorganisationen und verschiedener Botschaften teilnahmen, widmete sich der Situation der Wanderhirten in Uganda und ihren täglichen Herausforderungen. Die EU-Delegation informierte über ihre Entwicklungsprogramme im Rahmen des Europäischen Entwicklungsfonds für den Zeitraum 2014-2020, bei dem die Landwirtschaft und Ernährungssicherheit einen der drei Schwerpunktsektoren darstellen. Thema war auch die allgemeine Lage in Uganda vor den Wahlen im Februar 2016.

Wanderhirtentum als eine Lebensweise und Existenzgrundlage …

Im Mittelpunkt der Reise stand der Besuch der Region Karamoja. Bei zahlreichen Gesprächen mit Vertretern des dort ansässigen Stammes, den Karamojong, sowie den vor Ort aktiven NGOs informierte ich mich über ihre Ernährungslage, die Auswirkungen des Klimawandels, den Zugang zu Wasser und zu Land, sowie über den Einfluss ausländischer Investoren im Rohstoffsektor in dieser Region.

Karamoja liegt abgelegen an der Grenze zu Kenia und dem Südsudan und war bis vor wenigen Jahren von bewaffneten Stammeskonflikten geprägt. Die Region hinkt im Vergleich zum Rest des Landes in Bezug auf die Entwicklungsindikatoren erheblich hinterher was Armut, Analphabetismus oder Kindersterblichkeit angeht. 79 Prozent der Bevölkerung in Karamoja lebt unterhalb der extremen Armutsgrenze, wohingegen der nationale Durchschnitt bei 38 Prozent liegt.

Karamoja unterscheidet sich auch sehr im Vergleich zum Rest des Landes in Bezug auf das Klima, die Kultur und die Lebensweise. Die lokale Bevölkerung hat sich an die harschen Lebensbedingungen in der Region, die von Grasland und Savannen geprägt ist, angepasst und ihre Viehzucht schützt sie in Dürrezeiten vor so mancher Ernährungskrise. Leider werden Hirten und indigene Völker in ihren Gesellschaften aufgrund ihres nomadenhaften Lebens oftmals wirtschaftlich und sozial marginalisiert.

...mit vielen Herausforderungen

In den Gesprächen mit der lokalen Bevölkerung wurden für mich vor allem folgende Punkte deutlich:

Wandertierhaltung: Oft wird der Wert von traditionellen Formen der Lebensführung unterschätzt. Die ugandische Regierung möchte die Nomaden zur Sesshaftigkeit und hin zum Ackerbau bewegen. Aufgrund der geringen Niederschläge ist eine rein auf Ackerbau ausgelegte Lebensart jedoch nicht tragbar, und die Viehhaltung hat bisher in Zeiten der extremen Dürre zur konstanten Nahrungsmittelversorgung durch Milch und Fleisch beigetragen. Wandertierhaltung ist eine an die lokalen Bedingungen angepasste Lebens- und Wirtschaftsform.

Mobilität und Landrechte: Um überleben zu können, ziehen die Karamojong regelmäßig dorthin, wo der Boden am fruchtbarsten und der Regen am ergiebigsten ist. Diese Mobilität birgt jedoch zunehmend Konfliktpotenzial zu Landrechten. Traditionelle Grundbesitzrechte werden durch die ugandische Verfassung zwar anerkannt, sind aber in der Praxis schwer einzufordern, aufgrund von aufwendigen und teuren administrativen Verfahren. Ohne einen legalen Nachweis für Landbesitz- und Nutzungsrechte sind die Karamojong jedoch zunehmend der Gefahr ausgesetzt, ihr traditionell genutztes Land nicht mehr begehen zu dürfen und es besteht die Gefahr von Landgrabbing.

Rohstoffabbau: Karamoja ist sehr reich an Rohstoffen (Gold, Marmor) und ist Spielfeld von Spekulationen geworden. 62 Prozent der gesamten Region (17,083 km2) wurden amtlich für den Mineralstoffabbau freigegeben an ausländische und ugandische Firmen.1 Obwohl dies sicherlich auch wirtschaftlich positive Auswirkungen auf die Region und ihre Menschen haben kann, haben NGOs, wie zum Beispiel Human Rights Watch und Avocats Sans Frontières, vermehrt Bedenken geäußert über ein fehlendes Mitspracherecht, angemessene Entschädigung und Informationen für die lokale Bevölkerung.

Wassermangel: Ein immer wiederkehrender Punkt in allen Gesprächen ist der zunehmende Wassermangel und die fehlende Infrastruktur in der Region, um genügend Brunnen und Wasserstellen bereitzustellen. Auch benachbarte Stämme in Kenia, wie die Turkana, kommen häufig über die Grenze auf der Suche nach Wasser, was zu Konflikten führen kann.

Mangel an Bildung: Die Alphabetisierungsrate in Karamoja liegt bei 12% im Vergleich zum nationalen Durchschnitt von 73 Prozent. Vielfach sprach ich mit lokalen Vertretern darüber, was getan werden kann, um Schulbildung zu den Kindern zu bringen, die mit ihren Nomadenstämmen oft den Ort wechseln. Es gibt vereinzelte Projekte, mobile Schulen zu errichten, aber ein ganzheitliches Konzept ist im Moment noch nicht in Sicht.

Diese Informationsreise war spannend und informativ. Ich habe viele Menschen getroffen, die die traditionellen Lebensformen mit Leidenschaft und tiefer Motivation aufrechterhalten wollen und sich für einen besseren Lebensstandard einsetzten, mit wesentlich mehr Zugang zu Grundversorgung und Bildung. Die Wandertierhaltung und das Nomadenleben sind aus dem lokalen Kontext und den Gegebenheiten der Natur vor Ort entstanden. Es ist wichtig, dies anzuerkennen und Menschen das Recht zu geben, selbst über ihre Lebensweise bestimmen zu können. Diese Stimmen möchte ich nach Europa und ins Europäische Parlament tragen.

Für mehr Informationen:

Beiträge im ugandischen Fernsehen zu unserer Reise:

https://www.youtube.com/watch?v=LSDmQjKZqc8

https://www.youtube.com/watch?v=Yb2gxn3K070

1 Human Rights Watch (2014). How can we survive here? The Impact of Mining on Human Rights in Karamoja, Uganda. https://www.hrw.org/sites/default/files/reports/uganda0214_ForUpload.pdf