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Echte Hungerbekämpfung: Agrarökologie statt Agroindustrie!

Der trockene, sandige Boden rinnt einem einfach so durch die Finger, nichts von der Erde bleibt an den Händen haften. Auf diesem Acker in Malawi wird kaum ein Pflänzchen keimen. Der übernutzte Boden speichert kein Wasser mehr und die letzten fruchtbaren Bestandteile werden vom Wind abgetragen. Was bleibt ist sandige, salzige Erde. Hier können die Bauern weder Mais noch Maniok - die zwei wichtigsten lokalen Nahrungspflanzen - anbauen.

Warum sind die Böden in weiten Teilen Malawis, aber auch in vielen anderen Ländern Afrikas, in derart schlechtem Zustand? Die Antwort ist leider recht simpel: Zu intensive, alleinig auf kurzfristige Ertragssteigerung gepolte Landwirtschaft und die unsachgemäße Nutzung von Pestiziden oder synthetischen Düngemitteln haben sie zerstört.

Obwohl die Böden in diesen Regionen eigentlich erst langwierig revitalisiert werden müssten, schmieden internationale “Geber” neue Pläne, die Landwirtschaft in Afrika weiter zu intensivieren. Egal ob in Minister Müllers Marshallplan oder in der Externen Investitionsoffensive der EU: die Entwicklungszusammenarbeit finanziert die industrielle Landwirtschaft - und holt sich dafür finanzstarke “Partner” wie Bayer Crop Science oder Monsanto ins Boot. Die Gesundheit der Böden scheint vergessen, Hauptsache die Investitionen fließen und die Gewinnstatistiken steigen. Das ist der völlig falsche Weg.

 

Globale Agrarwende für die Nachhaltigkeitsziele (SDGs)

Dieser vorgestrige Kurs ignoriert die traurigen Schlüsse aus der gescheiterten Grünen Revolution in Asien und den Ruf der Vereinten Nationen, wie auch der gesamten Agenda 2030, nach einer tiefgreifenden, weltweiten Transformation der Landwirtschaft. Zieljahr für die globale Agrarwende ist eigentlich das Jahr 2030. Es bleiben also nur noch 12 Jahre.

Damit die Sustainable Development Goals (SDGs) erreicht werden, muss die internationale Gemeinschaft jetzt auf Agrarökologie setzen - und auch dorthin die Entwicklungsgelder lenken.

Agrarökologie ist eine nachhaltige und gangbare Alternative zur industriellen Landwirtschaft. Das Konzept ist simpel: Landwirtschaft wird nicht als isolierter “Sektor” betrachtet, sondern als Teil eines Ernährungssystems, zu dem auch die Umwelt und die Menschen gehören. Das Ziel der Agrarökologie ist, dieses System als Ganzes zu optimieren.

Dabei werden auf dem Acker natürliche Prozesse nachgeahmt und optimiert. Das Wissen der Bauern und der oft indigenen Bevölkerung steht im Mittelpunkt, schließlich kennen sie die regionale Situation besser als jeder andere. Somit hat Agrarökologie drei Dimensionen: eine ökologische, eine ökonomische und eine soziale.

Nicht selten wird Agrarökologie mit dem ökologischen Landbau gleichgestellt oder gar mit dem Konzept der „nachhaltigen Intensivierung“ verwechselt, das auf mehr Produktion mit weniger Ressourcen abzielt. Beides ist nicht richtig, denn Agrarökologie hat auch eine politische Ebene und stellt Machtverhältnisse infrage, sie ist eng mit dem Ansatz der Ernährungssouveränität verknüpft.

Daten aus aller Welt zeigen, dass Agrarökologie funktioniert.

In Uganda, Kuba und vielen anderen Ländern ersetzen vielseitige Mischkulturen trostlose Monokulturen und stärken damit die Widerstandsfähigkeit gegen Schädlingsbefall und klimabedingte Ernteausfälle. In Mischkulturen schützen sich die Pflanzen gegenseitig vor Krankheiten und Schädlingen, Pestizide sind nicht notwendig. Pflanzenreste und Tierdung ersetzen teuren industriellen Dünger.

Agrarökologie bietet Bauern und Bäuerinnen in Ländern des Globalen Südens den Vorteil, dass sie zu höheren Erträgen führt und gleichzeitig wenig Kapital benötigt. Außerdem wird die Landwirtschaft durch diese Praktiken resilienter, die Erträge und auch die Einkünfte der Bauern werden stabiler. Lokale Wirtschaftskreisläufe erstarken. Agrarökologie sichert also nicht nur Ernährung, sondern reduziert auch Armut.

Agrarökologische Methoden sind im Vergleich zur industriellen Landwirtschaft, die auf dem massiven Input teurer Produkte von Konzernen basiert, wissens- und arbeitsintensiver. Dies erfordert Bildung und Vernetzung, die zu Beginn der Maßnahmen eine Hürde darstellt. Es bietet gleichzeitig aber auch ein enormes Potential für Beschäftigung, etwa auch für Jugendliche, im ländlichen Raum.

 

Agrarökologie jetzt fördern

 Weil die Agrarökologie so viele positive Effekte auf verschiedene SDGs haben kann, löst sie sich langsam aus ihrem Nischendasein. Internationale Akteure wie die Food and Agriculture Organization (FAO) der Vereinten Nationen haben das Potential erkannt und sich nun dem Konzept verschrieben. Die Europäische Union wie auch Deutschland sind bisher noch zu zögerlich, was auch daran liegt, dass sich die Agrarmultis mit Klauen und Zähnen gegen das Konzept wehren.

So viel Potential in der Agrarökologie steckt, so viel Unterstützung braucht es noch, damit sie sich gegen alle Widerstände entfalten kann.

Durch die Entwicklungszusammenarbeit wird noch immer der Feldzug der Agrarindustrie subventioniert. Die Transition zu nachhaltiger bäuerlicher Landwirtschaft wird hingegen zu wenig gefördert. Dabei gibt es ein ganzes Bündel an Maßnahmen, die umgesetzt werden könnten – und müssten:

  • Auf lokaler Ebene in Partnerländern dürfen Schulungen für Bauern nicht mehr von Bayer und Co. angeboten werden. Diese Verkaufsveranstaltungen müssen beendet wurden. Vielmehr sollen Agrarökologische Praktiken Bestandteil von Schulungen werden. Hierzu gehört in einem ersten Schritt die Anerkennung des kontextspezifischen Wissens der lokalen Kleinbauern, ihre Anbaumethoden brauchen Förderung.
  • Agrarökologie muss ein vollwertiger Bestandteil des “Portfolios” der Europäischen Kommission und des und BMZ werden. Im Rahmen des Sektordialoges mit Partnern müssen für Regionale Organisationen und nationale Regierungen Anreize geschaffen werden, auf diesen Agrarökologie umzusteigen. Kleinbauernverbände müssen gestärkt werden.
  • Die Europäische Kommission und Deutschland müssen zumindest 10% ihrer ODA-Mittel für die Förderung der nachhaltigen ländlichen Entwicklung im Sinne der Ernährungssicherung eingesetzt werden. Agrarökologie muss dabei ein Schwerpunkt sein, denn dazu haben sie die EU und die Mitgliedsländer in der neuen europäischen Entwicklungsstrategie verpflichtet.
  • Auf internationaler Ebene müssen sich die EU und Deutschland in den laufenden FAO-Prozess zu Agrarökologie einbringen und ihr Engagement mit finanziellen Zusagen widerspiegeln. Außerdem muss relevante agrarökologische Forschung explizit fördern werden.
  • Agrarökologie kann nur in einem kohärenten und förderlichen Umfeld gedeihen: Saatgut- und Landgesetze in Partnerländern oder auch eine exportorientierte Handelspolitik dürfen die positiven Effekte der Agrarökologie nicht weiter untergraben.

Ein Weiter-So darf es nicht geben. Wenn wir die SDGs erreichen wollen, dann brauchen wir die Agrarökologie. Alle politischen Akteure müssen sich dazu bekennen, Agrarökologie zu fördern und die bestehenden Maßnahmen der Entwicklungszusammenarbeit daran auszurichten. Dies ist nicht von heute auf morgen möglich, doch es gibt bereits jetzt viele Maßnahmen, die ergriffen werden können. Dafür brauchen wir den politischen Willen.

 

Weiterlesen:

Heubuch, M. (Januar 2018): Agrarökologie als Leitbild für Landwirtschafts- und Lebensmittelpolitik. In: Der Kritische Agrarbericht 2018, Schwerpunktthema "Globalisierung gestalten".