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Ist die Digitalisierung der Heilsbringer für die Landwirtschaft?

Selbstfahrende Traktoren, Roboter-gestützte Pestizidausbringung oder die Nutzung von Wetter- und Bodendaten durch Big Data: Die Agrar- und Lebensmittelindustrie preist die Digitalisierung der Landwirtschaft gern als Wundermittel an. Der weltweite Hunger soll beendet, der Verlust der Biodiversität Einhalt geboten werden. Und selbst der Klimawandel soll durch einen stärken Technikeinsatz angegangen werden.

Auch die EU-Kommission sieht in ihrem Vorschlag für die zukünftige EU-Agrarpolitik „Modernisierung, Innovation und Digitalisierung“ als Querschnittsaufgabe an. Sie soll überall mitgedacht und wo möglich gefördert werden.

Ohne Frage hat der technische Fortschritt die Landwirtschaft maßgeblich vorangebracht. Über Satellitenbilder kann mittlerweile nachverfolgt werden, ob ein*e Bäuer*in eine mehrgliedrige Fruchtfolge einhält und so EU-Umweltleistungen erhalten kann. Die Entwicklung geht rasant voran und auch wir müssen uns hier weiterentwickeln. Wo es Mensch und Umwelt gut tut, sollten wir die Vorteile der Digitalisierung nutzen.

Offen bleibt jedoch die Frage, wer am Ende wirklich davon profitiert? Der Träger des Alternativen Nobelpreises Pat Mooney warnt in einer neuen Veröffentlichung davor, dass Bäuer*innen und Landarbeiter*innen das Nachsehen haben könnten, wenn allein Konzerne die Digitalisierung kontrollieren. Jobverluste und mehr Überwachung sind schon jetzt Realität, z.B. in indonesischen Palmölplantagen. Wenn nur noch ein Algorithmus darüber entscheidet, welches Saatgut, welcher Dünger und welches Pestizid auf das Feld ausgebracht wird, wird bäuerliches Wissen überflüssig.

Die Frage, ob ein Apfel durch eine menschliche Hand gegangen ist oder automatisiert erzeugt wurde, ist wichtig. Viele Verbraucher*innen kaufen bei bäuerlichen Betrieben, weil sie wissen: Dieser Hof geht gut mit seinem Stück Land und seinen Tieren um. Sie vertrauen dem Betrieb, weil die Bäuer*innen genau Bescheid wissen über die Eigenschaften des Bodens, des Wetters, der Wildpflanzen und -tiere und auf dieser Basis wirtschaften. Dies ist in Gefahr, wenn zukünftig nur noch der Computer entscheiden soll.

Längst geben große Konzerne wie Bayer oder Deere, aber auch Amazon oder Google den Takt vor. Und wieder einmal stolpert der Staat bei dem rasanten technischen Wandel hinterher. Wenn er reagiert, dann höchstens um Investitionshürden wie Kartellrecht oder Pestizidzulassungen aus dem Weg zu räumen. Der Staat muss aber im Interesse seiner Bürger*innen handeln. Die Daten von Bäuer*innen wie Verbraucher*innen gilt es zu schützen. Vielfältige Saatgutsorten müssen erhalten, gezüchtet und angebaut werden, und nicht allein die von einem Algorithmus bestimmten Hybridsorten. Und nicht zuletzt geht es auch um den Erhalt vielfältiger bäuerlicher Betriebsstrukturen mit regionalen Stoffkreisläufen. Die Welternährung wäre in Gefahr, lägen die Anbaudaten konzentriert in der Hand weniger Großkonzerne. Ihr oberstes Ziel sind profitable Geschäfte und nicht der Kampf gegen Hunger.

Weiterführende Links:

Broschüre: „Blocking the chain“ von Pat Mooney (Träger des Alternativen Nobelpreises) 

Der Kritische Agrarbericht 2018: „Digitalisierung der Landwirtschaft“ von Stig Tanzmann und Bernd Voß 

Konferenz der Grünen/EFA Fraktion im Europäischen Parlament, 8. November 2018: Innovation in the agri-food sector - For and by the people!