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Vita

1958 in Ravensburg in Süddeutschland geboren, wuchs ich in einer Familie mit acht Geschwistern auf. Als ich 18jährig eine Ausbildung als Familienpflegerin begann, dachte ich noch nicht, dass mich mein Weg einmal in die internationale Politik führen würde. Mit gerade 21 Jahren heiratete ich meinen Mann Franz. Seither bewirtschaften wir beide einen typischen Milchviehbetrieb vor den Toren von Leutkirch im Allgäu, ganz nahe an der Grenze zu Bayern. Unsere Söhne Alexander und Michael kamen 1983und 1986 zur Welt. 1987 machte ich meinen Abschluss als Meisterin der ländlichen Hauswirtschaft. Ich liebe meinen Beruf als Bäuerin und den Umgang mit unseren Tieren. Die bäuerlichen Familienbetriebe sind es, die meine Heimat, das Allgäu, und den ganzen deutschen Süden nach wie vor prägen. Bäuerliche Familienbetriebe sind kein Auslaufmodell, auch wenn das seit Jahrzehnten anhaltende Höfesterben in Deutschland dies nahelegt. Ich halte die bäuerliche Landwirtschaft im Gegenteil für ein Modell der Zukunft - und zwar weltweit. Wie komme ich zu dieser Überzeugung?

Bereits 1983 - ich war gerade seit drei Jahren als Bäuerin auf unserem Hof - begann ich, mich ehrenamtlich in der Agrarpolitik zu engagieren. Damals wurde die Milchquote in Deutschland und europaweit eingeführt. Europäische Politik betraf uns auf einmal unmittelbar in unserem Alltag auf dem Hof. Seither hat mich die Politik nicht mehr losgelassen.

Ich engagierte mich in einem Arbeitskreis meines heimischen Kreisbauernverbands und war Gründungsmitglied des Verbands für klein- und mittelbäuerliche Familienbetriebe. Durch die Arbeit dieses Verbandes wurde ich auf andere Organisationen und Zusammenschlüsse aufmerksam. Daher war ich Gründungsmitglied im Agrarbündnis, später auch beim Zusammenschluss Europäischer Milcherzeuger (EMB)und bei der regionalen gentechnikfreien Anbauregion. 1998 wurde ich zur Bundesvorsitzenden der AbL, der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft e.V., gewählt und hatte diesen Posten 16 Jahre lang inne. Ich kam in ganz Deutschland herum und traf viele Bäuerinnen und Bauern, die sich über Ernährung sehr weitreichende Gedanken machten. In dieser Zeit wurde mir immer klarer, dass „mein“ Thema eines war und ist, das buchstäblich die ganze Welt betrifft. Ich sah und sehe, wie die Agrarpolitik in Europa seit Jahrzehnten die Industrialisierung der Agrarproduktion fördert, angeblich um den Hunger aus der Welt zu schaffen - und gleichzeitig immer noch 800 Millionen Menschen an Hunger leiden. Wie Europa Milchprodukte zu Dumpingpreisen in Länder exportiert, die sich sehr gut selbst versorgen könnten. Wie den Ländern des Südens ebenfalls der Export von Agrarprodukten als Weg zur wirtschaftlichen Entwicklung empfohlen wird. Doch „Ernährungssicherheit“ und „Ernährungssouveränität“ lassen sich ganz gewiss nicht durch den monokulturellen Anbau von Agrarprodukten für den Weltmarkt herstellen. Im Gegenteil will ich mit meiner Arbeit dazu beitragen, die Vielfalt bäuerlicher Strukturen im Allgäu, in Deutschland, in Europa genauso wie in den Ländern südlich der Sahara oder in Asien beizubehalten und zu fördern. Denn 70% der Nahrungsmittelweltweit werden vonKleinbäuerinnen und -bauern hergestellt - nicht von der Agrarindustrie. Aufgabe der Politik muss es sein, eine regionale, umwelt- und tierfreundliche, bäuerliche Wirtschaftsweise zu ermöglichen, damit auch zukünftige Generationen die Chance auf ein gutes Leben haben.

2012 wurde ich Mitglied der Partei Bündnis 90 / Die Grünen. Ich bin der Überzeugung, dass meine politischen Ziele in der Programmatik dieser Partei am besten aufgehoben sind. 2014 wurde ich als Vertreterin der baden-württembergischen Grünen ins Europäische Parlament gewählt. Gemeinsam mit meinen Kolleginnen und Kollegen aus vielen europäischen Ländern bin ich der Überzeugung, dass Agrarpolitik, Entwicklungspolitik und Handelspolitik zusammen gesehen werden müssen. Alles andere führt nur dazu, dass Steuergelder für sich widersprechende Politiken ausgegeben werden, und am Ende des Tages kein einziges Problem gelöst ist. Deshalb bin ich im Ausschuss für Landwirtschaft und ländliche Entwicklung sowie im Entwicklungsausschuss tätig.

Den Menschen, die sich vom europäischen Gedanken abgewandt haben und sagen: „Ihr habt doch sowieso nichts zu sagen in Eurem Parlament, und noch dazu in einer so kleinen Fraktion“, entgegne ich: Verfolgt unsere und meine Arbeit! Wir haben maßgeblichen Anteil daran, dass die geplanten Freihandelsabkommen CETA und TTIP zu europaweiten Protesten führen. Wir haben bei Glyphosat, bei Gentechnik und vielen weiteren umstrittenen Themen, nicht nur auf dem Gebiet der Agrar- und Entwicklungspolitik, europaweit Öffentlichkeit hergestellt. Gemeinsam mit den Kolleginnen und Kollegen und vielen engagierten Bürgerinnen und Bürgern in zahlreichen Ländern am gemeinsamen Haus Europa weiterzubauen, ist eine anspruchsvolle und erfüllende Aufgabe.

Die Milchbäuerin aus dem Allgäu bin ich geblieben. Mein Mann und einer unserer Söhne bewirtschaften unseren Hof heute. Doch wenn ich aus Brüssel oder Straßburg, von einer Veranstaltung irgendwo in Deutschland oder von einer Delegationsreise aus Afrika zurückkomme, bin ich bei den Kühen und Kälbern oder arbeite im Garten. Familie, Hof, Arbeit, Heimat - ein guter Ausgleich zu Parlament, Fraktion und Büro. Ich empfinde es als Privileg, beides zu haben.